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Übernahme oder Neugründung

Mit dem Entschluss zur Selbstständigkeit steht der  Existenzgründer vor der wichtigen Entscheidung der Praxisneugründung oder Praxisübernahme. Beide Formen haben Vor- und Nachteile, und nicht immer liegen diese sofort liegen auf der Hand.
 
Studien zufolge ist die übernahme einer bestehenden Praxis seit Jahren die bevorzugte Form der Existenzgründung (siehe auch Kennzahlen der Praxisgründung). Die Zahl der Praxisübernehmer könnte sich noch weiter erhöhen, da eine Neugründung aufgrund von Zulassungsbeschränkungen nicht immer möglich ist. Auch ist eine Neugründung in aller Regel mit mehr Aufwand und Kosten verbunden. Dieser häufig als Hauptentscheidungsgrund genannte Faktor kann sich auf mittel- und langfristige Sicht allerdings relativieren, denn strukturelle Handikaps der Praxisübernahme, wie beispielsweise Kompromisse bei der Standort-, Raum- und Einrichtungsplanung, wirken sich finanziell oft erst nach Jahren aus. Hier gilt es also, nicht nur die nächsten Jahre mit in die Existenzplanung mit einzubeziehen, sondern eine möglichst langfristige Betrachtung anzustrengen.

Nach den offensichtlichen Vorteilen einer Praxisübernahme muss man nicht lange suchen: Der Nachfolger kann nicht nur das Praxisinventar seines Vorgängers übernehmen, sondern von Anfang an auf einen festen Patientenstamm, ein gut eingespieltes Team und strukturierte Arbeitsabläufe zurückgreifen. Sofort nutzen kann er außerdem bereits bestehende Außenbeziehungen, wie etwa zu Lieferanten oder dem Labor. Einem direkten Anknüpfen an die Arbeit des Vorgängers steht somit nichts im Wege.

Natürlich braucht jede Praxisübernahme trotzdem eine gewisse Zeit braucht, um  den bisherigen reibungslosen Ablauf wiederherzustellen. Auch wird sich nicht jeder von einem auf den nächsten Tag in die Rolle des Praxisinhabers finden können. Auch sollte ein gewisser Umsatzeinbruch einkalkuliert werden, doch mit der häufig verlustreichen Anlaufphase einer Neugründung ist bei einer Praxisübernahme in der Regel nicht zu rechnen.

Vor der übernahme einer Praxis stehen intensive und umfangreiche Recherchemaßnahmen an, die nicht nur die Wunschpraxis umfassen, sondern auch deren bisherigen Besitzer. Nicht immer ist entspricht der äußere Schein den Tatsachen. Eine Standort- und Bestandsanalyse klärt wichtige Fragen nach

  • dem Ruf von Vorgänger und Praxis
  • der wirtschaftlichen Gesundheit der Praxis
  • der Größe des Patientenstammes
  • der Aktualität der Patientenkartei
  • Zusatzqualifikationen des Praxisteams
  • dem Zustand der Praxisausstattung
  • eventuell erforderlichen Renovierungsarbeiten
  • der Ausbaufähigkeit der Praxis

und nicht zuletzt, ob der Kaufpreis dem Angebot angemessen ist.

Nicht nur das Alter oder Ausehen der Praxisausstattung ist wichtig, bei der Prüfung sollte auch besonderes Augenmerk auf ihre Zukunftsfähigkeit gelegt werden. Was bei der Praxisübernahme noch kein Thema ist, kann nach wenigen Jahren zur dringenden Notwendigkeit werden — die Rede ist von der Praxiserweiterung. Eine blühende Praxis, ein wachsender Patientenstamm lassen vielleicht den Ruf nach einem Assistenten oder Partner wach werden, und damit steht meist die Einrichtung eines weiteren Behandlungszimmers und somit der Ausbau der vorhandenen Räumlichkeiten und Installationen an. Wenn diese schon bei übernahme kaum Reserven im Hinblick auf ihre Erweiterbarkeit besitzen, stößt das individuelle Praxiskonzept
jetzt schnell an seine Grenzen.

Als letzter Punkt sollten auf jeden Fall Umstände wie der lokale Wettbewerb und demografische Entwicklungen einer genauen Einschätzung unterzogen werden.

Auch wenn man über Geld nicht spricht und Patienten nicht als Kunden sehen möchte: Nicht nur die Größe des Patientenstammes ist wichtig, auch die finanziellen Möglichkeiten der zukünftigen Kunden spielen eine entscheidende Rolle. Von Kassenleistungen allein lässt sich nur schwer leben, zuzahlungspflichtige Leistungen sind mittlerweile ein wichtiges Standbein einer Zahnarztpraxis. Sind Leistungen wie Bleaching oder Prophylaxe nicht gefragt, weil sich viele ältere Patienten in der
Kartei befinden oder der Schwerpunkt des Vorgängers auf
konservative und kassenorientierte Behandlungen lag, entfällt möglicherweise eine wichtige Einnahmequelle. Daher sollte auch das Behandlungskonzept des Vorgängers mit in Betracht gezogen werden.

Wer sich in diesen Fragen unsicher fühlt, kann auf die Hilfe professioneller Anbieter zurückgreifen. Aus Existenzgründerseminare und -workshops sind eine unverzichtbare Hilfe beim Weg in die Selbstständigkeit als Zahnarzt.

Sind alle Daten ausgewertet und alle offenen Fragen zur Zufriedenheit geklärt, kann der Praxiskauf in die Wege geleitet werden — aber bitte erst dann! Denn sonst kann die übernahme in einem unternehmerischen Fiasko enden, wenn sich vermeintliche Vorteile wie etwa eine umfangreiche Patientenkartei nach kurzer Zeit ins Gegenteil verkehren, weil sich verspätet herausstellt, dass ein Großteil der dort aufgeführten Patienten aus Karteileichen besteht.

Neugründer sollten in der Regel eine längere Anlaufphase einkalkulieren als Praxisübernehmer, denn der Aufbau eines  Patientenstammes benötigt eine gewisse Zeit. Auch die finanzielle Belastung ist in der Regel bei einer Neugründung höher.

Am Anfang stehen die Suche nach den geeigeneten Räumlichkeiten und der anschließende Umbau sowie die Einrichtung der Praxis. Dem zeitlichen und finanziellen Aufwand stehen aber auch Vorteile gegenüber, wie zum Beispiel der Umstand, dass noch kein anderer Zahnarzt den Grundstein für die zukünftige
Arbeit gelegt hat. So lässt sich ein individuelles Praxiskonzept verwirklichen, die Praxis nach Wunsch
ausrüsten und Personal einstellen, das den eigenen Vorstellungen entspricht. Auch wer eine feste Vorstellung von einem bestimmten Standort hat, findet unter Umständen dort keine Praxis zur übernahme und entscheidet sich daher eher für eine Neugründung.